¡Rezension!: Der Kinderdieb

VanaVanille


Titel: Der Kinderdieb
Autor/in: Brom
Verlag: Pan
Originaltitel: The Child Thief
Seitenzahl: 664
Preis: 16,95 € (D)
ISBN:
978-3-426-28329-5




Ich muss zugeben, dass es auch ein wenig meine Schuld war, dass ich von diesem Buch so enttäuscht bin. Hätte ich mir vorher das Interview mit Brom durchgelesen, dann wäre mir auch der Satz "Ich wollte meine eigene Mythologie schaffen." aufgefallen, denn genau das war eines meiner größten Probleme mit diesem Roman. Ich erwartete einen düsteren Peter Pan, ein geheimnisvolles Nimmerland, den gefährlichen Hook und so viele andere Figuren aus dem berühmten Märchen von J. M. Barrie, dass ich mir eine Geschichte ausmalte, die Der Kinderdieb nicht einmal ansatzweise erfüllen konnte. Dafür bekam ich eine Erzählung aufgetischt, die nur noch sehr wenig mit meinem geliebten Peter zu tun hatte und viel mehr in die Richtung des klassischen Fantasy-Genres ging. Der Autor erschuf seine eigene Welt. Eine Welt, die leider genauso traurig und verkommen war, wie die Realität.

Anfangs noch total mitgerissen, las ich das erste Drittel des Buches in einem Zug. Mir gefiel die Idee des Kinderdiebs auch wenn Peter ein viel brutalerer Protagonist war, der sich vernachlässigte Kinder aus der normalen Welt schnappte und sie mit nach Avalon (ja, es gibt kein Nimmerland mehr) nahm. Doch leider musste ich danach feststellen, dass er nicht mehr der freie, abenteuerlustige Junge war, sondern das Schoßhündchen einer zwielichtigen Herrscherin. Schon dieser Gedanke missfiel mir sehr und bremste meine Euphorie gewaltig. Zwar spürte man Peters Verlangen für ewig Kind zu bleiben noch, aber sonst blieb kaum etwas des bekannten Kinderbuchhelden übrig.

Leider wollten mir auch die anderen Charaktere nicht wirklich ans Herz wachsen. Diejenigen, die eine Chance gehabt hätten zu meinen Lieblingen zu werden, wurden leider kaum beachtet und von anderen Persönlichkeiten zur Seite gedrängt, die hauptsächlich brutal, pervers oder beides gleichzeitig waren. Natürlich war das vom Autoren so beabsichtigt, und Gewalt in Büchern stört mich normalerweise auch nicht, aber wenn die ganze Handlung nur aus Kampf besteht und man sich mehr Zeit für spritzende Gedärme nimmt anstatt diese für Charaktere zu nutzen, dann finde ich es doch schon wieder etwas übertrieben. Besonders störend empfand ich dies in der Mitte des Buches, die mir wirklich Kopfzerbrechen bereitete. Das zweite Drittel des Romans zog sich wie ein besonders klebriger Kaugummi und die Seiten, die bei den ersten Kapiteln nur so verflogen, wollten an dieser Stelle einfach nicht vergehen.

Dabei gefiel mir Broms Schreibstil eigentlich sehr gut. Er war angenehm, in vielen Situationen spannend - auch wenn das leider sehr selten lange anhielt - und durch die verschiedenen Perspektiven auf das Geschehen auch sehr abwechslungsreich. Der Autor beschränkte sich hierbei nicht nur auf die beiden Protagonisten Peter und Nick, sondern erzählte auch einige Stellen aus der Sicht von Bösewichten und Verrätern. So gestaltete er das Buch interessanter und ließ den Leser näher an seine Figuren heran. Ich muss also sagen: auch wenn ich die meisten seiner erfundenen Personen nicht mochte, beschrieb er sie detailreich und genau, sodass man ihre Gefühle und Handlungen verstehen konnte. Oberflächlichkeit kann man Brom also nicht vorwerfen, denn viele seiner Kollegen könnten sich bei diesem Fakt ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

Der einzige Punkt von dem ich im Buch wirklich restlos begeistert war, waren die Illustrationen des Autors. Niemand kann die Figuren eines Romans besser zeichnen als der Schriftsteller selbst und deswegen waren die Zeichnungen auch so wunderschön real und getreu ihrer Beschreibungen. Nur irgendwie ist es schon traurig, wenn man nur weiterblättert um das nächste kleine Kunstwerk in Augenschein zu nehmen, der Text einen aber meist kalt lässt.

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Worte anderer Rezensenten eingehen, die mich überzeugt hatten, das Buch zu lesen. In einigen Rezensionen versprach man mir Ähnlichkeit mit Tim Burtons Charakteren und Geschichten, und auch Pan's Labyrinth wurde das ein oder andere Mal erwähnt. Zugegeben, die Mischung aus Brutalität und Fabelwesen, wie sie bei Pan's Labyrinth zu finden war, erkannte man auch in diesem Roman. Was allerdings Tim Burtons Werke angeht, so muss ich passen. Ich liebe die Filme dieses Genies, besitze auch eines seiner wenigen Bücher und fand den Vergleich zwischen seinen Werken und Der Kinderdieb deshalb etwas gewagt. Beide sind zwar düster und auch märchenhaft, aber Tim Burtons Charaktere strotzen nur so vor Liebenswürdigkeit und Skurrilität, dass sie in meinen Augen immer etwas Besonderes bleiben. Brom kam diesem Phänomen nicht einmal nahe. Sicherlich ist dies auch immer eine Sache der Interpretation, aber wenn ich lese "wer Tim Burton mag, wird den Kinderdieb lieben" kann ich nur den Kopf schütteln und musste das hier einfach erwähnen, weil ich von solchen Aussagen total fehlgeleitet wurde. 

Mein Urteil

Brom hat sein Versprechen gehalten und in Der Kinderdieb seine eigene Mythologie geschaffen. Besonders Fans von klassischen Fantasybüchern sollte dieser Fakt ansprechen und begeistern können. Diejenigen, die allerdings eine schöne Neuinterpretation des altbekannten Peter Pans erhoffen, werden den Roman wahrscheinlich enttäuscht wieder zuklappen.
Das Buch scheint wirklich zu polarisieren.


5 Kommentare:

  1. Wuhu! Es ist vollbracht! :D
    Tolle Rezension, wie immer, liebe Kirsche. Toll, dass du wenigstens nicht alles schlecht fandest xD Ich werd das Buch auch noch zur Hand nehmen :)

    AntwortenLöschen
  2. @Lurchi: Tu das ^^ Ich hoffe es gefällt dir besser als mir und die Rezension wirkt nicht allzu abschreckend, denn abraten will ich keinem davon.

    AntwortenLöschen
  3. SEHR gute Rezension, meine Liebe =)
    Jetzt bin ich trotzdem noch unschlüssig, was ich von dem Buch halten soll...

    AntwortenLöschen
  4. Tolle Rezension, hast du schön objektiv erklärt, warum es dir nicht gefallen hat :)
    Und ich bin froh, dass du diesen Tim Burton Vergleich noch mal angesprochen hast, den kann ich nämlich auch 0 nachvollziehen und ich liebe Tim Burton und seine Werke. Ich finde sowohl Broms Fantasiewelten als auch seine Zeichnungen sind einfach ganz anders als die von Burton

    AntwortenLöschen
  5. @Strawberry: Na ich hab ihn jetzt ausgelesen, du kannst ihn dir immer noch ausleihen ;)

    @MB: Dankeschön. =)
    Wir haben eindeutig die gleiche Einstellung zu Burton ^^

    AntwortenLöschen

Ich liebe Kommentare, oh ja, ich liebe sie wirklich. Aber bitte schreibt keine nichtssagenden Einzeiler und verlinkt danach auf euren Blog. Die Kommentarfunktion soll nicht als Werbetafel, sondern für Diskussionen und nette Gespräche dienen.

Ich danke,
Cherry