"Die Knochenuhren", ein genialer Genremix

VanaVanille

Unsere Reise beginnt im Jahre 1984 an der Seite von Holly Sykes, die in ihrer jugendlichen Naivität von zu Hause abhauen und bei ihrer ersten großen Liebe einziehen möchte. Doch das Leben unserer Protagonistin soll eine andere Richtung einschlagen, denn als sie eine alte, angelnde Frau kennenlernt, der sie unbeabsichtigt ein Versprechen gibt, trifft sie eine Entscheidung, deren Auswirkungen bis ins Jahr 2043 anhalten werden. Holly bildet dabei jedoch nur den Rahmen eines verworrenen Netzwerks aus Geschehnissen und Charakteren, welches durch seine Komplexität und seinem Ideenreichtum besticht. Mitchell gelingt dabei ein genialer Genremix aus Gesellschaftsroman, Fantasy und Dystopie, der mich vollkommen fasziniert hat. 

Es ist ungewohnt, eine klare Hauptfigur zu haben, die in 75% des Romans nur eine immer wiederkehrende Nebenrolle spielt, doch Holly ist genau das. Während wir sie im ersten Kapitel noch durch ihre eigenen Augen betrachten, schlüpfen wir in den folgenden in die Köpfe anderer Personen (hauptsächlich Männer, die sie liebten) und erfahren so mehr über sie, aber eben auch über diese neuen Menschen und ihre Gedanken bis wir im letzten Part des Buches schlussendlich doch wieder bei Holly landen. Bemerkenswert ist dabei, dass alles irgendwie verbunden zu sein scheint, dass wir Personen begegnen, von denen wir in einem vorhergegangenen Kapitel nur kurz den Namen gelesen und fast schon wieder vergessen hätten, und das ganze Buch dadurch so unfassbar rund und gut durchdacht wirkt, dass es mich immer wieder zum Staunen brachte. Diese Tatsache war es auch, die mich oftmals an den Wolkenatlas denken ließ.  

Noch begeisterter war ich eigentlich nur von den fantastischen und dystopischen Aspekten, die besonders in den letzten beiden Kapiteln ihren Platz fanden. Zum Fantasyanteil möchte ich jetzt nicht ganz so viel verraten, da das Selbstentdecken unglaublich viel Spaß macht, auch wenn man irgendwann von den vielen Informationen förmlich erdrückt wird. Zum dystopischen Teil kann ich jedoch sagen, dass es sehr spannend ist, während der sprunghaften Reise in die Zukunft, die gesellschaftliche, technische und ökologische Entwicklung zu verfolgen, die Mitchell sehr authentisch und bedrückend umschreibt. Seine Visionen sind gar nicht mal so weit weg von unserer derzeitigen Lage und können einem an manchen Stellen wahrlich Angst machen, weil sie eben so realistisch sind. 

Um es kurz zu sagen...

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Mitchell kreiert ein wahres Meisterwerk, welches Komponenten aus verschiedenen Genres verbindet. Seine Figuren sind komplex, seine Handlung durchdacht und seine Zukunftsbeschreibungen erschreckend glaubwürdig. Ich liebe dieses Buch und bin fasziniert von jedem einzelnen Kapitel.

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Für mich wäre der einzige Kritikpunkt, dass sich die Aufklärung des fantastischen Anteils der Geschichte bis zum Ende hinauszögert und man an dieser Stelle sehr (für manche vielleicht zu) viel Input bekommt. In meinen Augen war es noch gut verständlich, aber dafür sollte man das Buch nicht stückchenweise, sondern, so gut es eben geht, in einem Rutsch durchlesen, um ja nichts zu vergessen.


6 Kommentare:

  1. Ahh ich bin dank deiner Rezension jetzt kurz vorm Bestellknopf drücken :D Ich fand den Wolkenatlas damals schon ziemlich genial, obwohl der sich manchmal etwas zu sehr gezogen hat. "The Bone Clocks" lächelt mich seit Erscheinen auch schon immer an, aber ich hab manchmal die Befürchtung, dass er sich vielleicht zu sehr verzettelt und das alles irgendwie nicht richtig zusammenbringt? Scheint wohl überflüssig zu sein, das Buch klingt toll.

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    1. Ich kann nicht leugnen, dass sein neuer Roman sicherlich auch seine Längen haben wird, nur habe ich die niemals so empfunden. Ich mag seine ausgearbeiteten Figuren, ihre Authentizität und das fantastische Band, welches sie alle verbindet. Es werden sicherlich nicht alle Fragen beantwortet, aber den Zusammenhang hat man am Ende auf jeden Fall verstanden. Ich hoffe, es gefällt dir auch so gut wie mir :)

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  2. Du hast mir mit deiner Rezension unglaubliche Lust auf das Buch gemacht! Manchmal ist so ein richtig dicker Schmöker genau das Richtige; ich finde so komplexe, ausgearbeitete Geschichten auch irrsinnig faszinierend. Aber au, das Buch ist vielleicht teuer :D Ich packe es auf jeden Fall auf die Wunschliste! Danke!

    Alles Liebe,
    Sandra

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    1. Ich finde dicke Schmöker manchmal echt abschreckend, weil ich weiß, dass ich eine ganze Weile daran zu knabbern habe, aber wenn ich sie dann erst einmal beende, vermisse ich sie irgendwie, und will mich kaum mehr mit 300-Seiten-Büchern zufrieden geben. Der Preis ist schon ganz schön heftig, aber glaub mir, das Buch ist es Wert... oder du wartest auf das Taschenbuch. Gibt ja viele andere schöne Romane, die man dazwischen lesen könnte ;)

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  3. Die Rezension ist dir wirklich sehr gut gelungen und hätte ich das Buch nicht schon gelesen, würde ich es jetzt nachholen. Deine Begeisterung teile ich ohne weiteres. ;-)
    Sei mir ganz lieb gegrüßt,
    Hibi

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    1. Jetzt werde ich auch nochmal bei dir vorbeischauen und mir deine Rezension komplett durchlesen ;)

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