Ein Wiedersehen mit Elio und Oliver in "Find me"

Cherry

Als ich vor zwei Jahren „Call me by your name“ las, war ich absolut begeistert von André Acimans Fähigkeiten als Schriftsteller. Er fand die richtigen Worte zu den Gefühlen seines jungen Protagonisten, dessen Lust und erstes Verliebtsein so greifbar und glaubhaft beschrieben wurden, dass man sich als Leser*in trotz eines quälenden Endes mit der Tragik dieser missglückten Liebesgeschichte zufriedenstellen konnte. Und ja, das war ich, zufrieden. Es hätte für mich also keine Fortsetzung zu Elio und Oliver geben müssen, da ich keiner dieser Menschen bin, der dringend ein Happy End benötigt, um einen guten Roman zu erkennen. Trotzdem war ich sehr gespannt auf Acimans neues Buch, als ich erfuhr, dass es ein Wiedersehen zwischen den beiden Männern geben würde. Sehr hohe Erwartungen glaubte ich dabei nicht zu haben, jedoch wurden selbst diese enttäuscht. 

Immer um ein paar weitere Jahre zeitlich versetzt, dürfen wir drei Erzählteilen folgen: Elios Vater, Elio selbst und Oliver (gefolgt von einem kurzen Abschnitt, in dem nochmals Elio zu Wort kommt). Dabei nimmt leider der erste Part bereits die erste Hälfte des ganzen Buches ein. Ich schreibe „leider“, weil er sich wie eine Altmännerfantasie lesen lässt, der ich überhaupt nichts abgewinnen konnte. Von großen Altersunterschieden zwischen Paaren mag man halten, was man will, doch die fehlende Tiefe, mit der der Autor die weibliche Geliebte seiner ersten Hauptfigur ausstattet, lässt sie zu einer unrealistischen Traumgestalt werden, die nur Mittel zum Zweck ist. Generell zeichnet sich „Find me“ durch sehr schnelle, sehr harmonische und sehr gefühlsduselige Beziehungen aus, denen es an Ecken und Kanten fehlt. Die mit Kunst und Kultur vollgestopften Dialoge wirken gekünstelt, jeder scheint binnen von Sekunden unendlich verliebt zu sein und nach Hindernissen sucht man vergeblich. Kurz und knapp: alles läuft viel zu glatt. 

Versuche ich mal eben meine Enttäuschung herunterzuschlucken, muss ich dennoch eingestehen, dass Acimans neuestes Buch nicht unbedingt schlecht ist. Zwar liest es sich vielmehr wie der Wunschtraum eines riesigen Call me by your name-Fans, doch ich muss ihm ebenso eine gute Lesbarkeit und zum Ende hin sogar einen Funken Spannung zuschreiben. „Find me“ hätte es in meinen Augen nicht gebraucht. Im Nachhinein werde ich es wohl schnell wieder vergessen müssen, um meine Liebe zu Elio und Oliver nicht zu schmälern. Dennoch bin ich mir sicher, dass auch dieses Buch seine richtigen Leser*innen finden wird. Nur ich gehöre eben nicht dazu. 


 

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